Universitätsklinik für Neurochirurgie

Bei manchen Erkrankungen bringen die üblichen, bzw. konventionellen Therapieformen nicht den gewünschten Effekt oder die Therapie geht mit zum Teil schweren Nebenwirkungen einher. In diesen Fällen können neuromodulative Therapieformen der funktionellen Neurochirurgie Abhilfe schaffen. Hierbei wird mit elektrischen Impulsen die Aktivität von Nervengewebe beeinflusst, was sich dann auf die Weiterleitung und Verschaltung der von Nerven generierten elektrischen Potentiale günstig auswirkt.

Für verschiedene Erkrankungen eignen sich unterschiedliche Verfahren:

So wird in Europa seit den 1990er Jahren die Tiefe Hirnstimulation bei der Behandlung von Bewegungsstörungen eingesetzt. Seit den 2000er Jahren wurde dieses Therapieverfahren auch auf weitere neurologische Erkrankungen ausgeweitet. Auch heute sind die Tiefe Hirnstimulation und ihre Anwendungsgebiete weiterhin Gegenstand aktueller Forschung, so dass sich die Indikationen inzwischen auch auf psychiatrische Erkrankungen, die Epilepsie und bestimmte Kopfschmerzformen erstrecken. Letztere Anwendungsgebiete sind momentan allerdings noch im experimentellen Stadium.

Ebenso seit den 1990er Jahren wird in Europa die Vagusnervstimulation eingesetzt. Bei dieser Behandlungsmethode wird eine Elektrode am Vagusnerv im Bereich des Halses eingesetzt, um die medikamentenrefraktäre Epilepsie und refraktäre Depressionen zu behandeln. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass die Vagusnervstimulation bei 55 % der Patienten mit medikamentenresistenter Epilepsie eine Anfallsreduktion von 50 bis über 70 % erzielt. Neben der Verringerung der Anfallsfrequenz sind zudem eine Reduktion der Anfallsdauer, der Anfallsschwere, der Dauer der postiktalen Phase und der Häufigkeit des Auftretens eines Status epilepticus zu erwarten.

Eine weitere neuromodulative Therapieform ist die Rückenmarksstimulation, welche seit den 1980er Jahren eine etablierte Methode zur Behandlung chronischer Schmerzsyndrome darstellt. Hierbei sind insbesondere Schmerzen im unteren Rücken und in die Extremitäten ausstrahlende Schmerzen sowie durch eine direkte Schädigung des peripheren Nervensystems verursachte Schmerzen gut behandelbar. Oft zeigen sich insbesondere Patienten mit diesen neuropathischen Schmerzsyndromen den konservativen Behandlungsformen gegenüber therapierefraktär. Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die für die Behandlung durch eine Rückenmarksstimulation von den Krankenkassen anerkannt sind. Neben den oben genannten gehören seit der Jahrtausendwende auch vaskulopathische Krankheitsbilder, wie bspw. die peripher arterielle Verschlusskrankheit dazu. Hier ist es sogar möglich, vorausgesetzt die Rückenmarksstimulation wird ausreichend früh eingesetzt, eine Extremitätenamputation hinaus zu zögern oder sogar zu verhindern. Auch gastrointestinale Schmerzen und funktionelle abdominelle Beschwerden stellen eine relativ neue Indikation für die Rückenmarkstimulation dar.

Ein weiteres rückenmarksnahes Therapieverfahren ist die Stimulation der sensiblen Hinterwurzelganglien. Hierdurch können besonders gut periphere regionale Schmerzsyndrome behandelt werden, da besagte Ganglien die größte Anzahl sensibler Nerven für die Weiterleitung viszeraler und somatosensorischer Schmerzinformationen beherrbergen.

Eine der ältesten Neuromodulationsverfahren ist die Periphere Nervenstimulation bei der Elektroden entweder subkutan (Periphere Fedstimulation) oder direkt in bspw. durch Unfälle verletzte Nerven (Direkte Periphere Nervenstimulation) eingebracht werden. Seit Ende der 1960er Jahre wird diese Therapieform eingesetzt, rückt aber durch die zuvor genannten Therapiemethoden immer mehr in den Hintergrund und wird aufgrund häufig erheblicher Narbenbildungen nur noch bei sehr speziellen Indikationen eingesetzt.

Unser Behandlungsspektrum umfasst im Einzelnen:

  • Morbus Parkinson
  • Essentieller Tremor
  • Dystonie
  • Medikamentenrefraktäre Epilepsie
  • Refraktäre Depression
  • Chronischer Rückenschmerz
  • Postnucleotomiesyndrom / Failed Back Surgery Syndrome
  • Neuropathische Schmerzen
  • Schmerzhafte Periphere Polyneuropathien
  • Chronisch regionales peripheres Schmerzsyndrom I / Morbus Sudeck / Sympathische Reflexdystrophie
  • Chronisch regionales peripheres Schmerzsyndrom II / Kausalgie / Chronischer Knieschmerz nach Kniegelenksoperationen / Chronische Schmerzen nach Hernien- oder Leistenoperationen
  • Therapierefraktäre periphere arterielle Verschlusskrankheit Stadium IIb und III nach Fontaine
  • Morbus Raynaud / Winiwarter-Buerger-Krankheit
  • Therapierefraktäre Angina pectoris
  • Chronische gastrointestinale Schmerzen
  • Irritables Darmsyndrom / Irritable bowel syndrome

Wir arbeiten sehr eng mit den hiesigen niedergelassenen Schmerztherapeuten, den Kollegen der Universitätsklinik für Neurologie am Evangelischen Krankenhaus sowie dem PIUS- Hospital und dem Klinikum Oldenburg zusammen. Sie werden bzgl. Ihrer neurologischen Erkrankungen, wie dem Morbus Parkinson, dem essentiellen Tremor, der Dystonie, der medikamentenrefraktären Epilepsie und der refraktären Depression, von den Kollegen der Universitätsklinik für Neurologie beraten, mit denen wir interdisziplinär die Indikation zur Tiefen Hirnstimulation und zur Vagusnervstimulation stellen. Bezüglich der weiteren o.g. Erkrankungen beraten wir Sie direkt in unserer Neuromodulationssprechstunde im Medizinischen Versorgungszentrum Oldenburg.

 

 

Tiefe Hirnstimulation

Die Tiefe Hirnstimulation stellt ein seit vielen Jahren etabliertes nebenwirkungsarmes Therapieverfahren dar. Mit Hilfe eines stereotaktischen Zielsystemes ist eine milimetergenaue Planung und Platzierung der Elektroden möglich. So kann gesichert werden, dass auch ein nur wenige Milimeter messendes Zielgebiet getroffen wird und kritische Strukturen wie Blutgefäße sicher umgangen werden. Eingesetzt werden modernste Elektroden und Impulsgeneratoren, wahlweise nach Patientenwunsch auch aufladbar und durch den Patienten programmierbar.

Morbus Parkinson

Seit vielen Jahren wird die Behandlung der Parkinsonkrankheit neben der medikamentösen Therapie durch die Tiefe Hirnstimulation ergänzt. Diese etablierte Therapie hilft Patienten über viele Jahre ihre Beweglichkeit zu verbessern, Nebenwirkungen der Medikamente zu vermindern und die Mobilität im Alltag wieder zu erlangen. Durch ein Gerät, welches einem Herzschrittmacher ähnelt, kann mittels präziser Stimulation der Ausfall der so genannten Dopaminergen Nervenzellen teils ausgeglichen werden. Die Implantation der Elektroden erfolgt in enger Zusammenarbeit gemeinsam mit den Kollegen der neurologischen Klinik unseres Hauses. In der Regel werden diese Operationen wach mit örtlicher Betäubung schmerzlos und in stetiger Begleitung des Patienten durchgeführt, so daß eine milimetergenaue Elektrodenplazierung bei gleichzeitiger Messung der elektrischen Hirnaktivität und auch Testung der Stimulationswirkung möglich ist. Als Patient spüren sie schon im Operationssaal die Verbesserung der Beweglichkeit unter laufender Stimulation.

Essentieller Tremor

Wenn ein anhaltendes Muskelzittern das Leben erschwert und Medikamente die Symptome nicht ausreichend unterdrücken können, kann eine Tiefe Hirnstimulation eine deutliche Beschwerdelinderung und sichere Bewegungsführung im täglichen Leben ermöglichen. Ebenso wie bei der Parkinsonkrankheit werden die Elektroden in einer Operation am wachen Patienten schmerzfrei gelegt, so daß der Stimulationseffekt direkt im Rahmen der Operation getestet werden kann und die Elektrode optimal für den Patienten platziert wird.

Eine Beratung der Patienten und auch die Nachsorge ist in der Spezialsprechstunde der Neurologischen Universitätsklinik unseres Hauses möglich.

Dystonie

Auch bei einer Dystonie ist die Tiefe Hirnstimulation eine etablierte Therapieoption. Wir bei den anderen Erkrankungen ist eine Wachoperation möglich, um die korrekte Elektrodenplatzierung zu überprüfen bzw um Nebenwirkungen durch die Stimulation auszuschließen. Abhängig vom Ausmaß der Erkrankung kann jedoch auch eine Operation in Vollnarkose erfolgen. Anders als z.B. bei der Parkinsonkrankheit benötigt die Besserung der Symptome allerdings ein wenig Geduld und ist erst in den folgenden Monaten zur erwarten.