Weiterlesen

Erfahrungsbericht des praktischen Einsatzes im UMCG (Universitair Medisch Centrum Groningen) als deutscher Auszubildender in der Gesundheits- und Krankenpflege

1.Woche

Am ersten Tag wurde ich zunächst mit der erforderlichen Dienstkleidung versorgt und im Anschluss vom Team gut aufgenommen. Da ich jedoch noch einen MRSA-Abstrich vor Ort bekam, musste ich leider 3 Std. auf das Ergebnis warten, bevor ich die Arbeit aufnehmen konnte. Es wurde mit mir vor allem Englisch gesprochen, aufgrund meiner mangelnden Sprachkenntnis im Niederländischen.

Den zweiten Tag konnte ich dann von Anfang bis Ende der Schicht miterleben. Ich begleitete eine diplomierte Pflegekraft, wir sprachen weiter Englisch und ich half ein wenig bei der Patientenversorgung mit. Zudem lernte ich den Ablauf richtig kennen und bemerkte auch schon Unterschiede zur Versorgung in Deutschland.

Die nächsten beiden Tage begleitete ich eine andere Pflegekraft und formulierte meine ersten niederländischen Sätze. Das Sprachverständnis wuchs weiter, sodass ich auch pro Tag 2 Patienten selbstständig bei der Ganzkörperpflege unterstützen und deren Wünschen weitestgehend Folge leisten konnte. Zudem versuchte ich meine Kompetenzen einzubringen und übernahm kleine Tätigkeiten auf meinen Vorschlag hin selbstständig. Am Ende der Woche konnte ich auf ein schon bemerkbar gewachsenes Sprachverständnis zurückblicken. Nun verstand ich schon einiges Gesprochenes.

Insgesamt fühlte ich mich sehr gut aufgehoben, das Team ist super nett und ich blickte sehr positiv und top motiviert auf die nächste Woche. Vor allem, da dann mein eigentlicher Anleiter seine Nachtschicht beendet hatte und mich begleiten würde. Dann werde ich auch versuchen, mit ihm konkrete Nah- und Fernziele zu formulieren, analog der Vorgaben, aber auch auf konkrete Tätigkeiten bezogen. Ich freute mich sehr auf weitere interessante und spannende Tage und auch darauf, mein Niederländisch zu verbessern.

2.Woche

Die zweite Arbeitswoche verbrachte ich damit, mit meinem festen Anleiter zu arbeiten. Der Schwerpunkt lag darin, die Arbeit gemeinsam zu planen und durchzuführen. Somit konnte ich den Ablauf und die Organisation vertiefen. Ich lernte den Ablauf des Wochenenddienstes kennen. Zudem hatte ich die Aufgabe, ein Krankheitsbild in der Theorie näher zu betrachten. Daher fertigte ich eine Ausarbeitung zum Krankheitsbild "COPD" an. Zusätzlich bearbeitete ich eine Lernaufgabe (O2-Therapie). Am Dienstag hatte ich zudem die Möglichkeit, eine Bronchoskopie einer im November transplantierten Lunge eines Mukoviszidosepatienten zu begleiten.

Die Sprachkenntnisse verbessern sich stetig, auch wenn zwischendurch nicht alles verständlich war, so war eine Kommunikation doch gut möglich.

3.Woche

Die dritte Woche begann für mich mit der Pflege einer doch schon schwer betroffenen ALS-Patientin. Die Körperpflege durfte ich selbstständig durchführen, was auch hinsichtlich des kommunikativen Aspektes gelang. Die Mitarbeiter, aber auch die Patienten waren mir gegenüber sehr offen und bemühten sich ihrerseits, die Kommunikation zu ermöglichen bzw. mich dabei zu unterstützen. Die weitere Versorgung der Patientin und der restlichen Patientengruppe führten mein Praxisanleiter und ich dann gemeinsam fort.

Die nächsten beiden Tage hatte mein Anleiter terminbedingt keinen Dienst auf der Station, weswegen ich dann eine Kollegin begleitete, die kein Deutsch sprechen konnte. Daher hatte ich kompletten niederländischen Input. Dies gefiel mir sehr gut, da ich auch einen gewissen Ehrgeiz verspürte, meine Sprachkenntnisse möglichst weit zu entwickeln. Die Arbeit bestand aus Teamwork und ich bot an, einige Tätigkeiten autonom durchzuführen.

Wieder im Dienst mit meinem Anleiter schrieb ich zudem meine ersten Sätze im Verlaufsbericht nieder, wagte also die ersten Dokumentationsversuche. Dies fiel mir doch noch sehr schwer. Als theoretische Vertiefung beschäftigte ich mich mit dem Krankheitsbild "Zystische Fibrose".

Insgesamt war zu meiner "Halbzeit" des Einsatzes eine durchweg positive Bilanz zu ziehen. Ich habe gemerkt, dass wir viel voneinander lernen können, vor allem auch organisatorisch.

4.Woche

Die vierte Woche begann damit, mit einer Kollegin zusammen zu arbeiten, da mein Anleiter verhindert war. Die Stimmung insgesamt auf der Station kann als freundlich und relativ entspannt beschrieben werden. Meine Arbeit war von mehr Selbstständigkeit geprägt. Neben den grundpflegerischen Tätigkeiten durfte ich mich in die Visite mit einbringen, soweit es meine Niederländischkenntnisse erlaubten, sowie für zwei Patienten die zu verrichtende Arbeit organisieren. Auch an das Entlassungsmanagement wurde ich herangeführt. Es war für mich zudem positiv, trotz einer anderen Ausbildung als der in den Niederlanden üblichen, viel Vertrauen in meine Kompetenzen entgegengebracht zu bekommen. Weiterhin positiv für mich war, eigene Ideen mit in den Arbeitsprozess einbringen zu können, die meist dankbar angenommen wurden. Zudem wurde mir häufig Rückmeldung gegeben, nicht nur wenn ich diese einforderte.

Auch diese vierte Arbeitswoche endete für mich wieder mit einem durchweg positiven Fazit.

 

5. Woche

Die fünfte Arbeitswoche begann damit, dass ich erneut eine Kollegin begleitete, mit der ich bisher noch nicht gearbeitet hatte. Ich erfuhr Interesse und Wertschätzung meiner Person, was mir als ausländischer Praktikant mit nun wenigstens einigermaßen vorhandenen Sprachkenntnissen sehr wichtig und wertvoll war. In dieser Woche war ich wieder für andere Zimmer zuständig als die Woche davor. Da ich erneut vier Tage am Stück arbeiten konnte, war es gut realisierbar, mich Tag für Tag auf die Patienten einzustellen. Nach einem etwas unruhigen Montagmorgen, einer unserer Patienten klagte aufgrund von Sputumstase über massive Luftnot, an dem ich das Verhalten der Kollegen in Notfallsituationen erleben durfte, waren die folgenden Tage ruhiger. Dem erwähnten Patienten ging es Tag für Tag besser und ich konnte die medizinischen Handlungen und deren Auswirkungen direkt beobachten, was auch meine theoretischen Kenntnisse erweiterte. Die Ärzte waren mir gegenüber ebenfalls sehr interessiert sowie aufgeschlossen und erklärten gerne einige theoretische oder besondere Aspekte, wodurch auch meine Kollegen profitierten. Ich wurde weiterhin bei den Visiten und zur Dokumentation nach meiner Meinung gefragt und konnte mich aktiv einbringen. Zudem durfte ich diesmal die von mir vorgeschlagenen Aufgaben und Arbeitsschritte, soweit möglich, autonom durchführen.

Auch das Vertrauen der Kollegen genoss ich weiterhin. So wurde mir beispielsweise die Versorgung einer schwer betroffenen, an ALS erkrankten Patientin, anvertraut, die ich mit Unterstützung unter eigener Regie durchführen durfte. Die Stimmung auf der Abteilung war weiterhin harmonisch und positiv. Durch meine immer weiter wachsenden Sprachkenntnisse war es mir nun möglich, mit Patienten und Angehörigen zu kommunizieren. Zudem baute ich schon Beziehungen (natürlich im Arbeitsrahmen) zu den Patienten auf und durfte daher ihr Vertrauen, z.B. bezüglich Beratungs- und Anleitungssequenzen, oder sogar als eine Art Vertrauensperson genießen. Es war in dieser Woche sehr positiv zu sehen, wie sich der Patientenverlauf entwickelte und unsere pflegerischen Tätigkeiten und interdisziplinären Absprachen sich auf einzelne Personen auswirkten.

Einen rührenden Moment erlebte ich dann am Ende der Woche, als der am Montag noch luftnötige Patient seine zweite Mobilisation mit dem Rollator durch die Physiotherapie durchführte, welcher ich unterstützend beiwohnte. Er schaffte es, über die halbe Station zu laufen, ein großer Erfolg, der ihn anschließend zu Tränen rührte vor Stolz, Freude und Dankbarkeit.

Ich hatte nach dieser Woche endgültig das Gefühl, gut in die Abteilung integriert worden zu sein und einen Teil zum Gesamten beizutragen. Mit gewissem Wehmut blickte ich daher auf die nächste und leider letzte Woche meines Einsatzes in den Niederlanden. Ich merkte jetzt schon, dass sechs Wochen sehr schnell vorbei gehen können und ich nur zu gerne mehr Zeit hier gehabt hätte.

 

6. Woche

Die letzte Woche war ich wieder mit anderen Kollegen unterwegs. Zudem hielt ich am Montag eine Präsentation über die Unterschiede zur Pflege am Evangelischen Krankenhaus ab. Dieser wohnten jeweils zwei Vertreter der Krankenpflegeschule aus Oldenburg und dem UMCG sowie eine aus der Hanzehogeschool bei. Die Präsentation(en) hielt ich auf Deutsch. Alle waren sehr daran interessiert, was ich zu berichten hatte und es machte mir zudem auch Spaß, meine Erfahrungen mit interessierten Menschen teilen zu können. Meine Kollegen von der Station fragten mich anschließend, ob ich ihnen die Präsentation auch vortragen könnte. Ich willigte ein und erstellte nach der Arbeit noch eine weitere Präsentation, die die deutsche Pflege, wie ich sie im Evangelischen Krankenhaus und anderen bisherigen Einsätzen erlebt habe, darstellte. Dies war schon eine Herausforderung, da ich die Präsentation und den Vortrag diesmal in der niederländischen Sprache hielt. Auch die Kollegen der Abteilung waren sehr interessiert, stellten viele Fragen und haben einiges Neues erfahren.

Die Sprachbarriere war nun gegen Ende des Einsatzes erheblich kleiner geworden, was sich auch bei der Arbeit und in meinem Verhalten bemerkbar machte. Ich redete nun oft zwischendurch mit den Patienten über dieses und jenes, aber konnte ihnen auch beratend und anleitend zur Seite stehen.

Nach einigen ruhigen letzten Arbeitstagen auf der Station hieß es für mich Abschied zu nehmen, da ich das Angebot bekam, den letzten Tag noch zur Hanzehogeschool zu gehen, um einen kleinen Einblick in die Ausbildung niederländischer Pflegekräfte zu bekommen. Dies zeigte sich als sehr interessant, die Art und Weise, wie sich die Ausbildung zu unserem System unterscheidet, vor allem aber auch welche technischen und räumlichen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Es war ersichtlich, dass durch die akademische Ausbildung mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen und es zahlreiche verschiedene Kurse gibt - kein Wunder bei insgesamt 1000 Studenten! So schaffen die niederländischen Studenten sich das erste Jahr eine theoretische Basis. Es werden Situationen und Abläufe nur simuliert, um die theoretischen Kenntnisse in die Praxis umzusetzen, bevor dann nach einem Jahr die Praktika der Studenten beginnen. Die Lernatmosphäre war gut, es wird auch vor allem in kleinen Gruppen unterrichtet. Die Studenten arbeiten insgesamt sehr autonom und wissenschaftlich - akademisch halt. Mir wurde zudem gesagt, dass es hier in den Niederlanden mittlerweile mehr Anwärter auf das Studium als Studienplätze gibt. Ein Verhältnis, von dem wir in Deutschland nur träumen können.

Insgesamt bereue ich keine Sekunde dieses Einsatzes und bin sehr froh, die Möglichkeit gehabt zu haben, Pflege im europäischen Ausland kennen zu lernen. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede zwischen diesen beiden Ländern und meiner Meinung nach können wir noch viel voneinander lernen. Gerade in solch schwierigen Zeiten wie der heutigen für die deutsche Pflege denke ich, dass eine Umstrukturierung des deutschen Pflegesystems notwendig ist und die Niederlande einen guten Ansatz haben, den Pflegeberuf interessant, attraktiv und auch das praktische Arbeiten effektiv zu gestalten - für Mitarbeiter und Patienten. Zudem bin ich mehr als froh, gleichzeitig noch eine neue Sprache gelernt zu haben und die niederländische Kultur erleben zu dürfen. Es gibt auch hier den einen oder anderen Unterschied, wenn man nur 70 km nach Westen und über die Grenze fährt. Alles in allem habe ich mich jedoch gut zurechtgefunden und bin dankbar für die Möglichkeit dieser Erfahrung, die Art der Betreuung auf Station und dass ich noch relativ kurz vor Einsatzbeginn ein Zimmer bei einer Pflegestudentin beziehen konnte. Vielen Dank an dieser Stelle dafür!

Ich kann dieses Praktikum nur weiterempfehlen, ich hatte eine schöne Zeit und bin schweren Herzens wieder nach Hause gefahren. Ich würde diesen Einsatz jederzeit wiederholen!

Jonas Schulz

Weiterlesen

Lesen Sie hier mehr...